Samstag

Samstag morgen, verschlafen steh ich auf und in Gedanken sortiere ich meine to-do List: Swiss Club Newsletter vorbereiten & Finanzen aufarbeiten, die CDs fuer meine Weiterbildung installieren sowie die ersten Kapitel durchlesen, meinen CV überarbeiten, putzen, endlich mal die Foto-Webpage auf die Beine stellen und dann noch meine überflutete Inbox aufräumen…

Draussen scheint die Sonne, die gestrigen Wolkenfetzen sind vom kühlen Südwind weggeblasen und übrig geblieben ist ein stahlblauer Himmel. Ein perfekter Tag zum Segeln, aber leider ist mein nächster Segeltrip mehr als einen Monat weit entfernt.
Mit einer Tasse Kaffee setz ich mich auf den Balkon, Laptop auf dem Schoss und beginne, meine emails zu beantworten. Doch meine Gedanken schwirren umher, es überkommt mich ein Gefühl der Rastlosigkeit – mein treuer Begleiter in den letzten Jahren. Denn wieder einmal stehen wir vor einer grossen Veränderung, noch unsicher, was und wann genau es soweit sein wird. Aus beruflichen Gründen steht ein Wechsel bevor; ziehen wir weg nach Übersee oder nehmen wir uns ein paar Monate frei um uns neu zu orientieren? Oder bleiben wir in Australien, ziehen in eine andere Stadt? Was auch immer es sein wird, ich will einen Schlussstrich ziehen unter die letzten drei Jahre, brauche eine Veränderung. Gleichzeitig sehne ich mich nach Stetigkeit, nach Sicherheit und Vertrautem.

Den Laptop hab ich mitlerweile weggepackt, die Kamera eingepackt und die Autoschlüssel parat. Die Wohnung engt mich ein, ich will raus an die sonnige, frische Luft. In Gedanken versunken fahre ich über die Harbour Bridge, erhasche einen kurzen Blick aufs Opernhaus, welches sich strahlend weiss vom dunkelblauen Wasser abhebt – was fuer ein schöner Ort! In den schattigen Strassenschluchten der Innenstadt reihe ich mich im Verkehr ein, es ist dunkel, lärmig und grau – was für ein hässlicher Ort! Nach ein paar ziellosen Kilometern überquere ich erneut die Brücke und ende in Neutral Bay. Hier sitze ich nun auf dem Gras, leicht frierend im Wind, vis-a-vis von mir der Yachtclub ‚Royal Sydney Yacht Squadron‘ und „mein“ Boot, wenige Meter entfernt vor mir liegt es vor Anker.

Ich glaube, wir haben es etwas ‚verpasst‘, uns in Sydney so richtig einzuleben, unsere Heimat loszulassen. Immer wieder waren wir konfrontiert mit Umzug, hier in der Stadt oder auch weg von Australien. Wir haben zwar schöne Wohnungen gehabt, aber kein richtiges zu Hause – haben uns immer wie auf der Durchreise gefühlt. Ich freue mich, von hier wegzugehen, auch wenn ich noch keine Ahnung hab, ob, wann und wohin. Ich will weg von hier, damit ich Sydney vermissen und irgendwann mit einem positiven Gefühl zurückkehren kann. Gedanklich bin ich mich schon am Verabschieden, nicht um es lange und schmerzhaft zu machen, sondern um mir das ferienähnliche Gefühl zurückzugeben, mit dem man einen Ort in seiner ganzen Intensität geniessen kann. Plötzlich wird alles flüchtig, man weiss nicht, ob oder wie oft man noch die Gelegenheit hat, dieses oder jenes zu unternehmen. Selbst mein so ungeliebter Job wird mit dieser neuen, distanzierten Perspektive zu einer fast schon theatralischen Komödie, und die tägliche Fahrt zur Arbeit verliert ihren routinierten, faden Geschmack und verkommt zu einem selbstauferlegten Geduldsspiel. Die Zeit mit meinen Kollegen wird plötzlich rar und kostbar, und ich verwende mehr Energie und Aufwand, um diese Freundschaften zu vertiefen. Wie einfach man sich doch manchmal ‚manipulieren‘ kann; alleine der Gedanken daran, dass man etwas nicht (mehr) haben kann, lässt es einem wollen.

Auch Wehmut vermischt sich mit diesem neuen, aufregenden Gefühl. Schliesslich haben wir hier so viel Schönes, Spannendes und Neues erlebt; die Stadt ist definitiv traumhaft gelegen und bietet unzählige Unterhaltungsmöglichkeiten. Kaum werd ich irgendwo anders einen spannenderen Harbour und schönere Küstenlandschaft finden, um herumzusegeln. Die offene, unkomplizierte Art der Leute hier hat mir Erlebnisse beschert, von denen ich nicht zu Träumen gewagt habe. Vor unseren WM-Ferien habe ich mit einem Kollegen ein Nachtrennen absolviert – bin 15 Stunden durch Nacht, Wind und schlussendlich auch noch Regen gesegelt; bin am Steuer gestanden und hab gegen Kälte, Nervosität und Seekrankheit angekämpft um bei Sonnenaufgang von einem Schwarm Delphinen vor Port Stephens Küste empfangen zu werden. Bald beginnt die Sommer Renn-Saison und selbst wenn ich physisch mit dem Rest der Crew nicht mithalten kann, kriege ich doch die Möglichkeit, mitzusegeln und meinen Beitrag zu leisten – ganz nach dem australischen Prinzip ‚have a go‘. So ist denn mein Lieblingsort hier auch der Yachtclub geworden; wo ich entweder nach einem Segelrennen mit dem Rest der Crew ein paar Drinks geniesse und übers Rennen fachsimpeln kann; mich mit ‚meinem Lieblingsskipper‘ an einem Sonntag auf ein Glas Wein treffe oder einfach mal für mich einen Kaffee trinken gehe, die Ruhe und den Blick über einen der schönsten Häfen der Welt geniesse während vor mir die Segelschiffe auf dem glitzernden Wasser geduldig wartend vor sich hin schaukeln.

Langsam wird es mir zu kalt, ich verabschiede mich von meinem Plätzchen mit Blick auf den Yachtclub, fotografiere nochmals die Segelboote mit dem Opernhaus im Hintergrund und genehmige mir einen Pie – typisch australisch – beim Fähren-Cafe. Wieder zu Hause schreibt mir ein Kollege von hier ein paar Zeilen im Chat; gleichzeitig beantworte ich ein email von einem Freund zu Hause. Manchmal erscheint es wie ein Doppelleben; man fühlt sich mit beiden Welten verbunden, fühlt sich aber auch von beiden Welten abhängig; braucht für beide Welten Zeit und ist doch in keiner richtig da. Ich telefoniere noch mit meinen Eltern, bevor ich mich später mit einem ehemaligen Arbeitskollegen auf einen Drink treffe – im Yachtclub, wo denn sonst.

Conny

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