Incredible India

Vor genau zwei Wochen reiste ich anlässlich der Hochzeit eines Arbeitskollegen nach Indien. Als ich nach knapp fünf Stunden Flug am späten Abend in Delhi landete, war ich mir zuerst nicht sicher, ob ich Singapur tatsächlich verlassen hatte. Der für die Commonwealth Games 2010 gebaute Flughafen ist ähnlich modern und grosszuegig wie Changi. Auch an der Effizienz von Customs & Immigration gab es nichts zu bemängeln.

Nach dem Erwerb einer lokalen SIM-Karte, dem Bargeldbezug an einem Automaten und einer Wartezeit von ca. 45 Minuten wurde ich gemeinsam mit einem Arbeitskollegen aus Singapur von einem Fahrer abgeholt. Das Parkhaus und die Zufahrtsstrasse zum Flughafen waren in bestem Zustand. Wir waren uns immer noch nicht sicher, ob wir uns tatsächlich in Indien befanden. Nur die regelmaessigen Anrufe der uns erwartenden Eltern des Bräutigams und der einheimische Fahrer bestätigten uns, dass wir unsere Füsse tatsächlich auf indischen Boden gesetzt hatten.

Die Illusion wurde zwei Kilometer später zerstört: Abrupt endete die moderne Zufahrtsstrasse und mündete in eine chaotische Kreuzung ein. Der Lärmpegel stieg dramatisch an. Ununterbrochenes Hupen, Schlaglöcher, kreuz und quer stehender Verkehr und regelmässige Polizeikontrollen begleiteten uns auf dem restlichen Weg zum Hotel. Anstatt gut zwanzig Minuten wie von den Gastgebern versichert dauerte die Fahrt ungefähr eine Stunde und endete in einem für unsere Augen ungepflegten, ziemlich ausgestorbenen und dunklen Quartier. Dafür wurden wir umso herzlicher von einem Teil der Hochzeitsgesellschaft empfangen.

Nach einem indischen Frühstück machten wir uns am darauffolgenden Morgen gemeinsam mit einem weiteren Arbeitskollegen aus der Schweiz auf den Weg in das knapp 200 Kilometer entfernte Agra. In einem kleinen Taxi lernten wir unmittelbar nach dem Verlassen des Hotels das richtige Indien kennen: Verkehrschaos, Schlaglöcher, Schotterstrassen, Staub, Armut, abgemagerte Tiere, Geisterfahrer, unfertige, aber bewohnte Häuser, Slums und stinkende, dreckige Flüsse, in welchen Leute sich selbst und ihre Kleider wuschen. Wir passierten einen riesigen Hügel, welcher vollständig aus Abfall bestand, brannte und seinen Rauch über die gesamte Stadt verteilte. Unser Fahrer schien seine ganze Erfahrung zu benötigen, um einen Weg aus der verstopften Stadt zu finden und den von allen Seiten entgegenkommenden Fahrzeugen und Tieren auszuweichen. Hupe und Bremse waren dabei seine besten Freunde. Währenddessen beobachteten wir mit einer Mischung aus Furcht, Neugier und Ungläubigkeit die vorbeiziehenden Bilder und versuchten diese mit unseren Kameras einzufangen. Unglaublich dieses Indien.

Ungefähr vier Stunden später hatten wir die Hälfte der zweihundert Kilometer langen Strecke hinter uns. Wir legten in einem verlassenen Restaurant am Strassenrand einen Zwischenstopp ein und überwanden uns dazu, ein eisgekühltes Cola aus einer dreckigen Flasche zu trinken und mit einer Packung Chips den Hunger zu stillen. Gleichzeitig einigten wir uns darauf, die Zeitprognosen der Einheimischen zukünftig mit dem Faktor 1.5 bis 2.0 zu multiplizieren, um der Wahrheit etwas näher zu kommen. Denn zu Beginn unserer Fahrt wurde uns noch versichert, dass wir in drei bis vier Stunden unser Ziel erreichen sollten. Die Gültigkeit dieser Regel sollte bis zum Ende unseres Aufenthaltes noch mehrfach bewiesen werden.

Nach knapp sechs Stunden kamen wir schliesslich in Agra an und machten uns sofort auf den Weg zum sagenumwobenen Taj Mahal, welcher der Grossmogul Shah Jahan zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene Hauptfrau Mumtaz Mahal erbauen liess. Wir wurden nicht enttäuscht: Der in der Abendsonne glänzende, weisse Marmorkoloss zog uns in seinen Bann. Kaum zu glauben, dass ein derart perfektes, symmetrisches Gebäude vor über 350 Jahren gebaut werden konnte; und das inmitten einer überfüllten Kleinstadt mit schlechter Infrastruktur und grosser Armut. Die Gegensätze könnten nicht grösser sein. Der gesamte Bau mit seinen unzähligen in den kalten Marmor gemeisselten Verzierungen scheint wie neu, besitzt aber trotzdem die Aura und die warme Ausstrahlung eines Gebäudes mit einer bewegten, jahrhunderte alten Geschichte. Unglaublich dieses Indien.

Nach einem köstlichen, von regelmäßigen Stromausfällen begleiteten indischen Abendessen und einer erholsamen Nacht im Hotel besuchten wir am nächsten Morgen in grosser Hitze das riesige, eindrückliche Agra Fort. Diese Anlage wurde noch vor dem Taj Mahal erbaut und beherbergte unter anderem auch dessen Erbauer, welcher dort ins Gefängnis gesteckt wurde, als er zusätzliche Steuergelder plündern wollte um eine Kopie das Taj Mahal aus schwarzem Marmor zu errichten. So musste der Grossmogul den weissen Taj Mahal bis zu seinem Tod durch das Gefängnisfenster betrachten.

Die Rückfahrt nach Delhi war ähnlich beschwerlich wie die Hinfahrt und dauerte sieben Stunden. Diesmal wurde die Ankunft dadurch verzögert, dass unser Fahrer ein familiäres Problem zu haben schien und ständig mit zwei Mobiltelefonen gleichzeitig telefonierte. In Delhi angekommen erwartete uns der offizielle Beginn der Hochzeitsfeierlichkeiten mit einem Empfang durch die Eltern des Brautpaares und einem Nachtessen mit der Familie des Bräutigams. Wir wurden über das Programm der kommenden Tage und den traditionellen, indischen Auswahlprozess für die Braut und den Bräutigam informiert: Vorauswahl über das Internet, Shortlist, Treffen mit Interview, Entscheid. Unglaublich dieses Indien.

Am folgenden Tag durften wir die Verlobungsfeierlichkeiten miterleben, wo wir in unseren traditionellen Sherwani auftraten, welche wir als Geschenk erhielten. An verschiedenen, getrennten Zeremonien wurden Braut und Bräutigam offiziell von den jeweiligen Familien akzeptiert bis das Paar schliesslich gemeinsam zur Ringzeremonie auftrat. Danach fanden die Verlobungsparties zum grössten Teil wieder getrennt statt, mit dem Fest des Bräutigams in einem und der Party der Braut in einem anderen Raum. Zum Abschluss des Tages trafen sich die Hochzeitsgäste zu einem ausführlichen Nachtessen im Garten des Hotels.

Am Donnerstag fand die formelle Hochzeitsfeier statt, welche bis zum frühen Morgen des darauffolgenden Tages dauerte. Nach verschiedenen Zeremonien wurde der Bräutigam von einem weissen Pferd erwartet, auf welchem er von Feuerwerk, einer Blasmusik-Band und Familie, Freunden und Kollegen begleitet durch die viel befahrenen Strassen von Delhi ritt. Ein ungewohntes Bild, als wir auf den staubigen Strassen von Musik begleitet hinter dem Pferd hergingen, von hupenden Autofahrern und der am Strassenrand versammelten, ärmlichen Bevölkerung beobachtet wurden. Schliesslich wurden wir mit einem Car sehr gemächlich in ein anderes Hotel transportiert, wo wir erneut auf die Band und das weisse Pferd trafen. Wenig später ritt der Bräutigam in der Menge seiner tanzenden Hochzeitsgäste Richtung Hoteleingang wo ihn die Braut, ihre Familie und Hochzeitsgäste erwarteten. Der Rest des Abends und der Nacht fand im Hotel statt. Zahlreiche farbige Zeremonien wechselten sich mit Essen und religiösen Feierlichkeiten ab, bis wir schliesslich frühmorgens müde per Car zum Hotel zurückgefahren wurden.

Neben der Hochzeit blieb nicht viel Zeit in Delhi und so sah ich lediglich einige Aussenquartiere auf dem Weg zum Flughafen und ein Shopping-Center in der Nähe unseres Hotels (in welchem wir aufgrund der Stromausfälle immer wieder mal im Dunkeln standen – das gleiche Gefühl durften wir einmalig auch in unserem Hotellift erleben). Am frühen Samstag Morgen flog ich bereits wieder nach Singapur. Ich war froh, nach einer Woche wieder in der geordneten, sauberen und modernen Stadt zu landen und ein Stück Brot, Käse und Fleisch zu essen. Trotzdem möchte ich meine Indien-Erfahrung nicht missen. Ich bin tief beeindruckt von diesem unglaublichen Land und seinen Bewohnern.

–> Hier gibt’s weitere Bilder aus Indien

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